Mein Chef das Milchgesicht

Mein Chef das Milchgesicht – Endlich sind Sie Chef und haben Ihre erste Führungsposition übernommen. Als zielstrebiger und ehrgeiziger Jungmanager, ausgestattet mit dem High Potential Lorbeerkranz fühlen Sie sich voller Tatendrang. Sie starten Ihre neue Aufgabe mit Elan und stellen fest, dass sich Ihr Führungsalltag in der Realität dann teilweise ernüchternd bis frustrierend gestaltet.

Sie müssen Ihre Mitarbeiter zu Überstunden bewegen, aufgrund einer wirtschaftlich angespannten Situation zwei Probezeitverträge auslaufen lassen und mit Ihren Mitarbeitern über die Veränderungen von lange bewährten Arbeitsabläufen sprechen. Sie erleben, wie sich Ihre Mitarbeiter zunehmend zurückziehen, teils verweigern oder aber Ihre Autorität in Frage stellen, indem sie Termine verschleppen und Sie in Besprechungen auflaufen lassen.

Respekt verschaffen

Verschaffen Sie sich von Beginn an Respekt bei den Mitarbeitern. Gerade als junge Führungskraft muss Ihnen klar sein, welche Rolle und welche Aufgaben mit ihrer Führungsposition verbunden sind. Sie müssen souverän auftreten. Das gelingt Ihnen durch eine klare Kommunikation und frühzeitiges Ansprechen von möglichen Unklarheiten und Missverständnissen. Fassen Sie bei Themen nach und vermitteln Sie den Eindruck, dass Sie die wichtigsten Aspekte im Überblick haben.

Falls ein älterer Mitarbeiter Sie respektlos behandeln sollte, müssen Sie ihm sofort klar machen, dass das so nicht geht. Dieses Gespräch führen Sie unmittelbar bis zeitnah und selbstverständlich nicht per E-Mail. Stellen Sie in dem Gespräch deutlich und im Ton verbindlich klar, dass Sie dieses Verhalten so nicht akzeptieren und fordern Sie Ihren Mitarbeiter dazu auf, sich an die Regeln zu halten. Sollte das Gespräch nicht zum gewünschten Ergebnis führen, dann führen Sie ein weiteres Gespräch, ein Kritikgespräch. In diesem Gespräch legen Sie die Spielregeln schriftlich fest und lassen den Mitarbeiter diese Spielregeln unterschreiben. Das wirkt Wunder. Sollte das wieder erwarten auch nichts nützen, müssen Konsequenzen folgen, die von Abmahnung bis hin zu Versetzung und Kündigung führen können.

Fachaufgaben abgeben

Grundsätzlich muss Ihnen klar sein, dass Sie nur diese Fachaufgaben erledigen, die die außer Ihnen niemand erledigen kann. Machen Sie sich bewusst, welche fachlichen Aufgaben Sie abgeben werden und welche Führungsaufgaben Sie ab sofort übernehmen müssen. Delegieren Sie die Fachaufgaben soweit wie möglich, so dass Sie beispielsweise für Rücksprachen, also Vier-Augen Gespräche mit Ihren Mitarbeitern, genug Zeit haben.

Fragen Sie Ihre Mitarbeiter

Sie als junger Chef müssen auch berücksichtigen, dass einer Ihrer alten Hasen Informationen besitzt, die sie selbst noch nicht haben können. Also zeigen Sie Ihnen gegenüber Respekt und Wertschätzung und binden Sie diese bei Gesprächen aktiv ein. Ein weiterer wichtiger Tip ist, dass Sie auf Ihre Mitarbeiter zugehen und diese fragen. Sie können nicht alles wissen, das wird auch nicht von Ihnen erwartet. Was Mitarbeiter jedoch von Ihnen erwarten ist eingebunden zu sein. Daher ist es wichtig zu Beginn mit Ihren Mitarbeitern ein ausführliches Gespräch über deren Aufgaben, Zielsetzungen und Verbesserungsmöglichkeiten zu führen. Hören Sie dabei aufmerksam zu und überlegen Sie nachdem Sie mit allen gesprochen haben, welche möglichen und sinnvollen Veränderungen Sie anstoßen werden. Neuerungen sollten Sie dann behutsam anmoderieren, nach der Devise „Ich brauche sie und ihre Erfahrung“. Wenn Sie diese Botschaft glaubwürdig vermitteln dann haben Sie bereits viel erreicht und die Basis für Vertrauen gelegt.

Außerdem sollten Sie sich die folgenden Fragen stellen: Was konkret sind meine Aufgaben als neuer und junger Chef? Was erwartet mein Team von mir? Was erwarte ich selbst von mir? Wo muss ich einen Schwerpunkt setzen? Bei welchen Themen muss ich nach einer gewissen Zeit einen klaren Standpunkt einnehmen?

Orientierung geben

Machen Sie sich bewusst, dass Ihre Mitarbeiter Sie jetzt als Orientierungspunkt wahrnehmen. Mitarbeiter brauchen Orientierung durch Ziele und Aufgaben die mit ihnen besprochen werden. Hier sind Sie gefragt. Insbesondere ist es wichtig, dass Sie aus Ihren Mitarbeitern ein Team formen, das gemeinsam gut funktioniert. Daher fragen Sie sich, wo es Harmonie und Disharmonie in Ihrem Team gibt und wo Ihr Team in Bezug auf Zusammenarbeit momentan steht. Hier kann es hilfreich sein, zu Beginn einen Workshop zur Verbesserung der Zusammenarbeit durchzuführen. In diesem reflektieren Sie gemeinsam den Standpunkt Ihres Teams  und vereinbaren Maßnahmen zur Verbesserung der Zusammenarbeit. Dadurch wird Ihre Akzeptanz als Führungskraft deutlich steigen.

Nähe und Distanz

Einen weiteren Aspekt umfasst über den Sie sich bewusst werden müssen, ist die Frage der passenden Distanz und Nähe zu Ihren Mitarbeitern. Die Distanz zu Ihren früheren Kollegen wird größer und daher werden sie folgerichtig auch vorsichtiger im Umgang mit Ihnen. Selbstverständlich können Sie sich mit Mitarbeitern mit denen Sie sich geduzt haben auch weiterhin duzen. Dies soll jedoch nicht dazu führen, dass sich diese bevorzugt behandelt fühlen oder andere sich dadurch benachteiligt fühlen. Sensibilisieren Sie sich diesbezüglich und sprechen Sie die Thematik gegebenenfalls unter vier Augen an. Grundsätzlich gilt, dass das Du in hierarchisch organisierten Unternehmen immer der Chef anbietet, auch wenn er 30 Jahre jünger ist.

Nicht auf der Nase rumtanzen lassen

Bei aller Behutsamkeit und dem notwendigen Fingerspitzengefühl sollten Sie sich als Jungchef nie auf der Nase herumtanzen lassen. Mitarbeiter loten ihre Spielräume gegenüber Ihren neuen Vorgesetzten stets aus, bei Youngstern noch mehr als bei Arrivierten. Zeigen Sie als junger Chef, dass Sie die Zügel in die Hand nehmen und in der Hand behalten, dann wird aus dem „Milchgesicht“ schnell ein „Fels in der Brandung“.

Über den Autor:

Dr. Matthias Hettl ist als international bekannter Managementberater, Trainer und Coach für Vorstände, Geschäftsführungen und Führungskräfte tätig. Er vertrat eine Professur für Management, verfügt über langjährige Führungserfahrung, u. a. als Aufsichtsrat, Geschäftsführer sowie auch international als Consultant bei den Vereinten Nationen. Als renommierter Speaker ist er ein gefragter Management- und Führungsexperte.

Mehr Informationen unter: Hettl Consult